Fortsetzung  ~  Seite 3

Katrin und Thomas Janssen* haben sich den deutschen Gesetzen zunächst gebeugt. Monatelang fuhren die Eltern von fünf Kindern täglich auf den Friedhof – zum Grab des jüngsten Sohnes, das Monate nach der Bestattungsfeier noch immer bedeckt war mit frischen Blumen.  „Man sieht, dass hier ein Mensch liegt, der sehr geliebt wurde.“ Das haben die Leute gesagt, erzählt Katrin Janssen und nickt, wie zur Bestätigung. Wenn es regnete und der Grabstein voller Dreckspritzer war, habe sie sofort alles wieder in Ordnung gebracht, den Grabstein abgewischt, die zerzausten Blumen hergerichtet. Und doch wollten sie und ihr Mann nichts weniger als dieses Grab „Auf dem Friedhof“, sagte Katrin Janssen, „da ist es doch kalt.“

Daniel Janssen war zehn Monate alt, als er in einer Silvesternacht plötzlich zu atmen aufhörte. Draußen, zwischen den Häusern, standen die Nachbarn mit halbleeren Sektflaschen, und am Horizont, über dem Kirchturm, zerplatzten die letzten Silvesterraketen. Thomas Janssen rief sofort den Notarzt, setzte sich ins Auto, um dem Krankenwagen entgegenzufahren. Er schaltete den Warnblinker ein und das Fernlicht, preschte mit hoher Geschwindigkeit über die Felder. „Wir wohnen ja irgendwo in der Wallachei, ich hatte Angst, dass die sich verfahren.“ Eine Viertelstunde später erreichte er zusammen mit dem Krankenwagen das Familienhaus. Zu spät. Die Ärzte holten eine Blechwanne aus dem Wagen; Thomas Janssen legte den toten Säugling hinein – „diesen kleinen Körper in diese riesige Wanne“. An alles andere kann er sich nur noch dunkel erinnern. An die Polizisten, die durch die Wohnung gingen, an die Kripo und an den Pfarrer, der hilflos herumstand. Seine Frau weiß nur noch, dass sie in die Küche ging, Wein in einen Plastikbecher kippte und den in einem Zug leerte.